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Harald Welte: Genau. Damit ist das hinfällig. Das
hängt natürlich von der konkreten Lösung ab, aber gerade bei den integrierten
Lösungen von Qualcomm ist das der Fall - und die stecken in einer Vielzahl von
Geräten. Ein weiteres Problem ist, dass klassischerweise all die Dinge wie
Videokamera, Mikrofon und Lautsprecher direkt am Baseband Processor hängen. Was
ja auch klar ist, weil das ist der eigentliche Telefonieteil des Mobiltelefons,
während der Application Processor quasi der PDA ist. In dem Moment wo dann aber
jemand in den Baseband Processor einbricht, kann er dann auch das Mikrofon
aufdrehen und mithören - ohne dass das nach außen irgendwie sichtbar ist.
derStandard.at: Sind solche Angriffe auf den Baseband-Processor jetzt rein theoretischer Natur, oder gibt es da auch reale Beispiele?
Harald Welte: Es gibt tatsächlich bis jetzt keine offiziell dokumentierten Vorfälle. Aber: Es gibt hier auf der Konferenz auch einen Vortrag von Ralf Philipp Weinmann von der Universität Luxemburg, der es geschafft hat, in alle gängigen, weitverbreiteten Baseband-Prozessoren einen Exploit reinzubringen. Das ist also keine rein theoretische Möglichkeit.
derStandard.at: In den letzten Monaten und Jahren wurde immer wieder vorgezeigt, wie mit einer eigenen Basisstation Telefongespräche abgefangen werden können. Ist dies tatsächlich so einfach?
Harald Welte: Ja. Bei GSM und Edge - also alles
kleiner 3G - gibt es keine "Mutual Authentication", das heißt, das Telefon hat
keine Möglichkeit zu wissen, ob es mit einem echten oder einem falschen Netz
verbunden ist. Ich kann hier also einfach eine eigene Mobilfunkzelle hinstellen,
sagen ich bin "A1" oder "T-Mobile Austria" und die Telefone in der Umgebung
werden diese benutzen, wenn es das für sie stärkste Signal hat. Dadurch, dass es
dagegen keinerlei Absicherung gibt, ist natürlich allen möglichen Dingen Tür und
Tor geöffnet.
Das ist dann eben wieder so eine fundamentale
Geschichte, die aus der Historie der Netze bedingt ist. Damals konnte man sich
einfach nicht vorstellen, dass irgendwer jenseits einiger weniger
Monopolbetriebe jemals ein Netz betreiben wird. Oder auch dass sich jemand
Privater jemals eine eigene Mobilfunkzelle basteln kann - und heute ist das
ziemlich einfach möglich. Und dann hat man es auch verpasst, die Systeme im
Laufe der Zeit zu reformieren und entsprechende Systeme einzubauen. Es ist ja
nicht so, dass heute noch wo Basisstationen stehen, die 20 Jahre alt sind, die
Hersteller machen ja ohnehin alle paar Jahre ein Upgrade ihres Equipments. Man
hätte sich also schon vor Jahren um die bekannten Probleme kümmern können - aber
es gibt halt kein Interesse daran.
Um ein Beispiel zu bringen: Der Nachfolger der jetzt
verwendeten Verschlüsselungsalgorithmus bei GSM wurde bereits 2002 spezifiziert,
2010 hat ihn noch kein einziger Operator im Einsatz. Und auch wenn diese neue
Lösung noch genug Probleme hat, so wäre sie doch ein Fortschritt, acht Jahre
lang ist aber aber mal nichts passiert.
derStandard.at: Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ist selbst die sehr schwache heute eingesetzte Verschlüsselung nicht wirklich verpflichtend, oder?
Harald Welte: Ja. Im GSM-Netz ist es so, dass alle
Sicherheitsfeatures optional sind. Das heißt das Netzwerk entscheidet, mach ich
Authentifizierung oder nicht, verwende ich Verschlüsselung oder nicht, welchen
Algorithmus verwende ich. Und der Anwender hat nicht nur keine Einfluss darauf,
er wird auch gar nicht informiert. Softwareseitig wäre es natürlich
super-einfach da eine Anzeige zu machen, was jetzt gerade für eine
Verschlüsselung verwendet wird - wie es ja etwa bei Browsern gängig ist. Das
gibt es hier nicht. Nur bei ein paar alten Mobiltelefonen gab es diese
Möglichkeit, aber das bringt auch nichts, da der Netzbetreiber die Anzeige
dieser Informationen wieder durch eine Konfiguration der SIM-Karte unterdrücken
kann.
derStandard.at: Und machen das die Netzbetreiber auch?
Harald Welte: Ja. Bei allen SIM-Karten die ich mir bisher angesehen habe, war das so konfiguriert. Aber wie gesagt, unterstützen das aktuelle Mobiltelefone ohnehin nicht mehr.
derStandard.at: Aber warum verbergen die Betreiber diese Information?
Harald Welte: Weil sie die Anwender nicht aufregen
möchten. Es gibt da eine gute Dokumentation dazu: Es gab ja bis vor einigen
Jahren mit dem A5/2 noch einen schlechteren Verschlüsselungsstandard, der wurde
2006 verboten. Und wenn man sich da die Unterlagen der Standardisierungsgremien
anschaut, dann waren insbesondere amerikanische Operator extrem aufgeregt und
nervös darüber, dass ihre Kunden bemerken könnten, dass da schlechte
Verschlüsselung zum Einsatz kommt - also entsprechende Informationen unter
keinen Umständen den Kunden gezeigt werden.
Und dann gibt es natürlich ein Problem mit der
Motivation: Der Netzbetreiber hat keinerlei Motivation dem Anwender Privatsphäre
oder Vertraulichkeit der Information zu bieten - das gibt es einfach nicht.
Davon hat er kein Geschäft, der Operator verdient kein Geld durch zusätzliche
Sicherheit - also warum sollte er das tun?
derStandard.at: Bietet UMTS zumindest für die
Datenübertragung eine höhere Sicherheit?
Harald Welte: Prinzipiell schon. Das Problem ist
allerdings, dass es bei einem Angriff leicht ist, das 3G-Netz zu stören, wodurch
das Mobiltelefon automatisch auf 2G zurückfällt - und die ganze zusätzliche
Sicherheit wieder weg ist. Zusätzlich ist 3G ja auch noch immer nicht
flächendeckend verfügbar
derStandard.at: Sind diese Lücken im GSM-Netz eigentlich rein theoretischer Natur oder werden diese auch aktiv ausgenutzt?
Harald Welte: Aber natürlich sind die real. Kein
IMSI-Catcher (der von der Polizei zu größeren Abhöraktionen eingesetzt werden
kann, Anm.) würde funktionieren wenn es diese Lücke in der Authentifizierung
nicht gäbe. So ein IMSI-Catcher ist ja auch nichts anderes als eine gefälschte
Basisstation, die alle Gespräche in der Umgebung auf sich zieht. Es gibt
zumindest sei zehn Jahren Techniken, die diese Fehler ganz aktiv ausnutzen.
derStandard.at: Machen sich auch nicht-staatliche Organisationen diese Fehler zu nutze?
Harald Welte: Ja. Es ist zum Beispiel dokumentiert,
dass in Afghanistan auf beiden Seiten IMSI-Catcher verwendet werden.
Darüber hinaus gibt es aber noch eine ganze weitere
Klasse von Problemen. So ḱann jeder einzelne Netzbetreiber weltweit Anfragen an
alle anderen Netze stellen. Dafür gibt es eigene Schnittstellen - und das macht
ja prinzipiell auch Sinn, weil die Netze miteinander kommunizieren können
müssen. Aber diese Schnittstellen wurden halt auch spezifiziert als man sich
kaum Gedanken über Sicherheit gemacht hat. So kann also etwa jeder beliebige
Betreiber herausfinden, wo sich eine einzelne Person derzeit aufhält. Das ist
nicht sehr genau, das Land findet man immer, meistens auch die Stadt, bei
größeren Städten auch Teile davon. Hat nun etwa ein Auslandsgeheimdienst
irgendwo die Telefonnummer eines Politikers reicht das um über diesen
Reiseprofile zu erstellen.
derStandard.at: Gibt es aktive Bestrebungen den
GSM-Standard zu verbessern?
Harald Welte: Wenige. Es gab zwar über die Jahre immer
wieder kleinere Verbesserungen an der Spezifikation, das Problem ist, dass man
der Kompatibilität wegen viele Lücken drinnen lässt. Es gibt zum Beispiel im
GSM-Standard schon seit einigen Jahren eine Spezifikation für die zuvor erwähnte
"Mutual Authentication", aber es gibt keine Möglichkeit, dass das Endgerät diese
einfordern kann. Die Entscheidung bleibt also beim Netz, was die
Sicherheitsverbesserung effektiv zunichte macht. Denn wenn ich eine falsche
Basisstation aufstelle, sag ich natürlich, dass ich keine beidseitige
Authentifizierung will - und damit gibt sich das Telefon zufrieden, ohne dass
der Anwender je davon erfährt.
Es wäre also auch jetzt schon ganz einfach möglich,
dass Mobiltelefone zumindest einen gewissen Mindeststandard zur Verschlüsselung
verlangen, was ja etwa gerade für Unternehmen durchaus interessant sein sollte,
um die Sicherheit der Mitarbeiter zu erhöhen. Aber das geht halt dann wieder
nicht, weil die Hersteller der Geräte bzw. der benutzten Chipsets diesen
Eingriff nicht erlauben.
derStandard.at: Ist das Aufstellen einer gefälschten Basisstation eigentlich die einzige Möglichkeit für Dritte ein Gespräch mitzuhören, oder gibt es hier noch andere Lücken?
Harald Welte: Gibt es. Ich kann beispielsweise passiv
mithören, indem ich einfach einen Funkempfänger in der Nähe aufstelle und dann
die Verschlüsselung knacke. Auf halbwegs gängiger PC-Hardware sollte das in so
ca. 35 Sekunden erledigt sein. Das ist auch schon lange bekannt.
Mithören kann ich weiters an der Verbindung zwischen
der Basisstation und den nächsthöheren Netzwerkelementen. Diese sind ja auch oft
über Mikrowellen-Richtfunkstrecken realisiert, spezifiziert war das aber mal für
Kabel, also wird hier in aller Regel nicht verschlüsselt. Da hab ich dann nicht
nur ein Gespräch sondern gleich hunderte bis tausende Gespräche, die völlig
unverschlüsselt quer durch die Stadt gehen. Da ist zwar der technische Anspruch
für das Abhören etwas höher, weil diese Mikrowellentechnik mit "Hausmitteln"
etwas schwerer beherrschbar ist, aber da gibt es auch Leute, die sich aktuell
damit beschäftigen und da kann man sicher sein, dass da in den nächsten Jahren
noch etwas kommen wird.
Eine weitere Abhörmöglichkeit sind die "Lawful
Interception"-Schnittstellen, über die normalerweise die Polizei bei Gesprächen
mitlauschen kann - im jeweiligen rechtlichen Rahmen. Es gibt aber auch belegbare
Beweise, dass diese Schnittstellen schon von Dritten zum Abhören benutzt wurden.
derStandard.at: Zum Beispiel?
Harald Welte: Es gab den Fall Vodafone Griechenland im
Jahr 2004, wo diese Schnittstellen von der organisierten Kriminalität benutzt
wurden, um Spitzenpolitiker abzuhören - über mehrere Monate hinweg.
derStandard.at: Wenn ich das mal so zusammenfasse, gibt es also mittlerweile eine Fülle von Möglichkeiten Telefongespräche abzuhören - und das dazu noch ohne sonderlich großen finanziellen Aufwand.
Harald Welte: Ja. Das mangelnde Wissen ist eigentlich
das Hauptproblem, warum so wenig öffentliches Bewusstsein über diese Lücken da
ist. Es gibt halt fünf Hersteller auf der Netzwerkseite, fünf Hersteller auf der
Telefonseite, die die entsprechenden Implementationen machen, und wenn man jetzt
nicht gerade für eine dieser Firmen arbeitet, dann weiß man nichts davon. Und
auf Universitäten wird das ja auch nicht gelehrt.
Das ist auch alles nicht neu, es gibt Hersteller die
entsprechende Geräte zum Abhören seit vielen Jahren anbieten, das beginnt so bei
200.000 Dollar und geht dann in die Millionen hinauf. Neu ist nur dass wir das
jetzt in Open Source machen, um die Leute auf diese Problematik aufmerksam zu
machen.
Übrigens find ich das Abhören von Gesprächen gar nicht
so das spannende Thema, viel interessanter sind eigentlich all die sensiblen
Daten die über GSM-Netze verschickt werden: Das geht von Schlüsselsystemen über
Zugkommunikation bis zum Telefonbanking - alles über ein sehr schlecht
geschütztes System und damit leicht für Dritte abzufangen.
derStandard.at: Inwiefern ist Open Source hilfreich, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen?
Harald Welte: Open Source ist insofern nützlich, als
dass die Ergebnisse der angewandten Sicherheitsforschung in diesem Bereich für
jedermann nachvollziehbar sind. Es gibt ja Leute, die schon seit Jahren auf
diese Probleme hinweisen, aber das will halt keiner hören, da wird dann immer an
der realen Umsetzbarkeit gezweifelt. Also arbeiten jetzt Leute wie ich in den
letzten zwei, drei Jahren an dem Thema, um klar nachvollziehbar zu zeigen, dass
die Probleme nicht nur auf dem Papier existieren, sondern dass man die Lücken
auch tatsächlich ausnutzen kann.
derStandard.at: Wir danken für das Gespräch.
(Andreas Proschofsky, derStandard.at, 20.12.10)
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